Vor den US-Zwischenwahlen wächst die parteiübergreifende Skepsis gegenüber KI-Rechenzentren
Weniger als drei Monate vor den US-Zwischenwahlen wächst in den Vereinigten Staaten der Widerstand gegen den Bau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI). Auch für die Republikaner, die bei der Abstimmung im November ihre Mehrheit in beiden Kammern verteidigen wollen, könnte das zu einem Wahlkampfthema werden.
Gegenwind für Rechenzentrumspläne
Im Juli eskalierte in einem Vorort von Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania eine Bürgerversammlung zu einem von Amazon Web Services (AWS) geplanten KI-Rechenzentrum. Hunderte Einwohner, die sich in einer Highschool versammelt hatten, riefen Parolen wie 'Schämt euch', und in der dreistündigen Fragerunde wurde das Misstrauen gegenüber KI und Big Tech deutlich.
Der geplante Standort liegt in einem Industriegebiet, in dem US Steel einst Kokereien betrieb. Als die Öfen in den 1990er Jahren stillgelegt wurden, gingen mehr als 5000 Arbeitsplätze verloren. Zu Beginn der ersten Überlegungen zur Neuentwicklung gab es noch eine gewisse Aufbruchsstimmung, weil dies der lokalen Wirtschaft zugutekommen könnte. Die Stimmung unter den Anwohnern hat sich inzwischen jedoch vollständig gedreht.
Die Anwohner hörten den Erklärungen eines Vertreters der Staatsbehörden zu Amazons Umweltmaßnahmen nicht zu und gingen ihn mit der Frage an, ob man von ihnen erwarte, Amazon zu vertrauen. Auch Amazons Hinweis, dass sich die Luftqualität rund um andere Rechenzentren verbessert habe, stieß auf Ablehnung und wurde als 'Lüge' zurückgewiesen.
Widerstand über Parteigrenzen hinweg
In den USA werden derzeit zahlreiche Rechenzentrumsprojekte vorangetrieben, gestützt vom KI-Boom. Zugleich steigen in einigen Regionen wegen des höheren Strombedarfs die Haushaltsstrompreise um mehr als 10 Prozent, und auch die Sorge um das für die Kühlung benötigte Wasser nimmt zu. In umkämpften Bundesstaaten wie Pennsylvania dürften solche Belastungen den Widerstand der Wähler verstärken.
Eine im Juni von Ipsos und Reuters durchgeführte Umfrage ergab, dass 45 Prozent den Bau von Rechenzentren ablehnen, deutlich mehr als die 22 Prozent, die ihn befürworten. Unter Demokraten lag die Ablehnung bei 55 Prozent, unter Republikanern bei 37 Prozent. Das zeigt, dass die Skepsis nicht nur bei der umweltorientierten Linken, sondern auch auf der Rechten zunimmt.
Clifford Young von Ipsos verweist darauf, dass darunter die Unzufriedenheit mit einer Gesellschaftsordnung liege, die Eliten begünstige. Die Gewinne aus KI konzentrierten sich auf einige wenige große Unternehmen, während die Stromrechnung und die Umweltbelastung von den Anwohnern getragen würden, sagte er. Diese Sicht verbreite sich sowohl links als auch rechts.
Wem kommen die Früchte zugute?
Steve Bannon, der in der ersten Trump-Regierung als Chefstratege diente, schickte im Mai im Namen einer Anti-KI-Gruppe einen Brief an US-Präsident Donald Trump und forderte Regulierung. Die Organisation veranstaltete im Juli landesweit Kundgebungen gegen Rechenzentren. Zu den Forderungen zählten unter anderem, die Technologie werde für Massenüberwachung eingesetzt und treibe die Strompreise in die Höhe. Damit griff sie auch Argumente der Linken auf.
Sarah Kreps, Professorin an der Cornell University, sagt, Unternehmen sollten die Vorteile für die Regionen, etwa durch Investitionen vor Ort, klar benennen. Nach Angaben der Stanford University überstiegen die KI-Investitionen in den USA im Jahr 2025 jedoch 285,8 Milliarden Dollar, davon entfielen 218 Milliarden Dollar auf Kalifornien mit dem Silicon Valley.
Der US-Hedgefonds Riese Bridgewater Associates sieht im KI-Investitionsboom zwar ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, das mit dem Internetboom der 1990er Jahre vergleichbar sei, zugleich aber auch, dass die Gewinne bei einigen wenigen Unternehmen wie Nvidia in den USA konzentriert würden und sich nur 'in geringem Maße' an die Bevölkerung zurückverteilen dürften. In der Ipsos-Umfrage sagten 44 Prozent, der Einsatz von KI habe ihre Arbeit produktiver gemacht. Zwar werde KI nicht rundweg abgelehnt, doch Rechenzentren seien zum wohl konfliktträchtigsten Thema geworden.
Der KI-Boom verbindet zunehmend den Populismus der Rechten mit jenem der Linken. Der linke Senator Bernie Sanders schlug im Juni vor, dass große US-KI-Konzerne wie OpenAI 50 Prozent ihrer eigenen Aktien als Steuer abführen sollten. Trump sagte daraufhin, eine ähnliche Idee werde bereits 'seit einem Jahr' diskutiert, und zeigte sich zustimmend.
Wie sollen die Früchte der KI und die Lasten verteilt werden? Mit Blick auf die Zwischenwahlen im November gewinnt diese Frage parteiübergreifend an Gewicht.
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