Alan Greenspan hat sein 100-jähriges Leben beendet
Der frühere Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Alan Greenspan, ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Erst vor Kurzem hatte ich von seinem früheren Vertrauten und ehemaligen Fed-Vizechef Donald Kohn erfahren, dass Greenspan im März Geburtstag gefeiert hatte.
Zu Beginn seiner Amtszeit noch ein Unbekannter
Auch Greenspan, genannt 'Maestro', hatte nicht von Anfang an einen leichten Stand. Als er im Juni 1987 als Nachfolger von Paul Volcker nominiert wurde, der sich mit der Eindämmung der Inflation einen Namen gemacht hatte, hieß es am Markt: 'Wer ist Greenspan überhaupt?' Die Reagan-Regierung wurde so verstanden, dass sie den als unbeugsam geltenden Volcker durch Greenspan ersetzte, der als fügsam angesehen wurde.
Schon drei Wochen nach seinem Amtsantritt machte Greenspan sich bemerkbar. Am 4. September erhöhte er den Diskontsatz mit dem Ziel, die Inflation einzudämmen. Ich erinnere mich noch, dass ich damals, frisch nach New York versetzt, die überraschende Zinserhöhung eilends als Eilmeldung verbreitete. Von Volcker erhielt Greenspan die Nachricht: 'Glückwunsch. Jetzt bist du ein anständiger Zentralbanker.'
Schwarzer Montag und die Reaktion 1998
Etwas mehr als einen Monat später, am 19. Oktober, änderte der als Schwarzer Montag bekannte Kurseinbruch die Lage grundlegend. Die Fed gab eine Notfallmitteilung heraus, wonach sie bereit sei, den Märkten reichlich Liquidität zur Verfügung zu stellen. Später wurde dies als Beitrag zur Beruhigung der Panik gewertet. Doch in dieser Phase zeigte sich vor allem das Bild eines neu ernannten Vorsitzenden, der die Nachfolge eines starken Vorgängers antrat und sich mit Unterstützung erfahrener Fed-Funktionäre durch die Krise manövrierte.
Als ich zehn Jahre später nach Washington versetzt wurde, galt Greenspan als 'Gott'. Der Höhepunkt dieser Verehrung war der Herbst 1998. Vor dem Hintergrund der russischen Währungskrise seit August und des Zusammenbruchs eines großen Hedgefonds gerieten die Märkte ins Wanken; die Fed senkte ab September drei Monate in Folge die Zinsen um insgesamt 0,75 Prozentpunkte.
Diese Maßnahmen beruhigten die Lage, und aus der Wahrnehmung, die Fed werde stets Marktkrisen retten, machte sich der Begriff 'Greenspan-Put' breit. Greenspan selbst dürfte mit seiner Vergötterung gehadert haben, doch diese Einschätzung trug wohl zu einer großen Blase bei.
Kritik im Zuge der Immobilienblase
Greenspan führte die Fed 18 Jahre und sechs Monate lang und trat im Januar 2006 zurück. Beim Abschied war er noch von Lob umgeben, doch zweieinhalb Jahre später kippte die Stimmung. Nach der globalen Finanzkrise, ausgelöst durch die Pleite von Lehman Brothers im September 2008, geriet er in die Kritik, weil er die Entstehung der Immobilienblase übersehen habe.
Bei der US-Präsidentschaftswahl im November desselben Jahres gewann Barack Obama vor dem Hintergrund der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Wirtschaftskrise und wurde der erste schwarze Präsident. Als Berater für die wirtschaftliche Erholung wählte Obama seinen früheren Rivalen Volcker. Damals schien Greenspan wieder zu einem Menschen aus Fleisch und Blut geworden zu sein.
Kevin Warsh, der Greenspan verehrte, trat im Mai das Amt des Fed-Vorsitzenden an. Der Aufbau einer vertrauenswürdigen Fed ist eine wichtige Aufgabe, doch auch zu viel Vertrauen birgt Fallstricke. Greenspans Werdegang zeigt genau das.
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